Begrüßung und Warm-up
Christian: Ich freue mich heute, Julica Goldschmidt zu begrüßen. Julica, du bist nicht nur die Stimme des SC Freiburg, und ich glaube, es gibt nur zwei Frauen überhaupt, die das in der Bundesliga machen, darüber sprechen wir gleich noch ein bisschen. Du bist eigentlich auch ein bisschen die Stimme der Stadt Freiburg. Wir von Lexware sitzen auch in Freiburg, daher der Bezug. Du hast bei uns schon moderiert. Du bist außerdem in der Moderation tätig, Radio-Host, Podcasterin und, jetzt etwas umgedreht, eine ganz spannende Zirkusdirektorin, das würde nicht jeder erwarten. Auf den Bühnen bist du eigentlich zu Hause und hältst die Bälle in der Luft, auch in der Nebenberuflichkeit, gebunden mit einer Teilzeittätigkeit. Das interessiert uns natürlich wahnsinnig, und ich glaube auch die Zuhörerinnen und Zuhörer: wie es dazu kommt und wie man das alles meistert.
Christian: Darüber will ich sprechen, was das mit dir macht, was dir Erfolg bedeutet, was du vielleicht auch Negatives erlebt hast. Gerade im sehr männerdominierten Bereich Fußball hast du bestimmt das eine oder andere zu erzählen. Darum geht es heute im Tell Your Story Podcast. Julica, super schön, dass du da bist und uns teilhaben lässt an deiner Reise als Unternehmerin, als Stadionsprecherin und an allem, was ich gerade aufgezählt habe.
Julica: Ich freue mich, hier zu sein, das sage ich schon mal gleich vorneweg.
Christian: Das ist schön.
Julica: Danke für die Einladung.
Christian: Mega. Wir kennen uns ja auch schon ein bisschen, wir sind ein-, zweimal zusammen aufgetreten, da hast du moderiert und ich musste etwas sagen. Ein bekanntes Gesicht auch für Lexware. Das finde ich persönlich immer wichtig, weil man so näher an den Menschen drankommt. Ein Teil vom Podcast ist immer ein kleines Warm-up, wo ich dich zwei Sachen frage und du spontan antwortest. Es geht nicht ums Gewinnen oder Verlieren. Die erste ist relativ einfach: Bühne oder Backstage?
Julica: Bühne.
Christian: Das hatte ich krass erwartet. Jetzt wird es spannend: Stadionmikro oder Radiomikro?
Julica: Wow, muss ich mich entscheiden?
Christian: Nein, du musst nicht, so fies bin ich nicht.
Julica: Das kann ich nicht, das ist so unterschiedlich. Das Radio ist mein Zuhause, da komme ich her, und das Stadion ist immer noch große Aufregung. Ich würde wirklich gerne beide behalten.
Christian: Dann lassen wir das, das ist okay. Das sagt ja auch schon etwas.
Julica: Oh, fies.
Christian: Spontanität oder gute Planung?
Julica: Gute Planung mit Raum für Spontanität.
Christian: Sicherheit oder Selbstständigkeit?
Julica: Selbstständigkeit.
Christian: Das freut, glaube ich, viele. Mehr Einkommen oder mehr Selbstverwirklichung? Ich weiß gar nicht, ob das ein Oder ist.
Julica: Mehr Selbstverwirklichung.
Christian: Torjubel von der Tribüne oder aus der Sprecherkabine?
Julica: Schon aus der Sprecherinnen-Kabine, mittlerweile.
Christian: Hätte ich auch so erwartet, da kann man ja auch schön jubeln.
Julica: Wobei es schön wäre, mal wieder auf der Süd zu stehen, in der Menge, einfach als Fan da sein zu dürfen. Aber da habe ich mich für den Moment entschieden.
Christian: Ich weiß, du fieberst wirklich mit, du bist ein echter Fan. Gibt es eines, das dir noch einfällt, das ich hätte fragen können?
Julica: Pizza oder Pasta. Pasta.
Christian: Pasta? Spannend. Ich hätte gefragt: Kartoffel oder Pasta, das ist so ein Freundeskreis-Ding. Wenn es nur noch das eine gäbe, wofür entscheidet man sich?
Julica: Gibt es Leute, die Kartoffel sagen?
Christian: Ja. Kartoffel ist eigentlich vielfältiger. Ich bin auch ein Pasta-Mensch, aber Kartoffel ist vielfältiger, wenn man darüber nachdenkt.
Julica: Stimmt.
Das Why: Kommunikation als Schlüssel
Christian: Wir starten dann gerne mit dem Golden Circle von Simon Sinek, vielleicht kennst du den. Da geht es um Why, How, What. Wir finden das toll, weil es spannender ist zu erfahren, warum ein Mensch oder eine Marke tut, was sie tut. Ein Beispiel aus Lexware-Sicht in aller Kürze: Wir wollen Unternehmertum erleichtern, das ist unser Warum. Im Wie sind es zwei Aspekte, einerseits einfache Lösungen über Technologie und andererseits Tell Your Story, also Bühne geben, damit mehr Menschen gründen und es mehr Vorbilder gibt. Dann kommt das Was, Buchhaltung, Rechnungsstellung, mittlerweile auch KI. Wenn du an dich denkst: Gibt es dieses Warum, das dich antreibt? Das Warum der Julica?
Julica: Ich glaube, das war nicht mein ursprünglicher Antrieb, ich bin in diese Sachen reingestolpert. Aber was mich dabei bleiben lässt und viele neue Aufgaben hat annehmen lassen, ist die Freude an der Kommunikation und die große Überzeugung, dass Kommunikation key ist. Wenn man gut kommuniziert, mit Leuten ins Gespräch kommt, gerade beim Podcasten oder in Interviews, dann geht es um Austausch, um Verbindung, um miteinander Sprechen. Das finde ich wahnsinnig schön und spannend. Im Gespräch bleiben, das ist das Allerwichtigste in jeder erdenklichen Situation.
Christian: Was nimmst du da meist mit? Ist dieser Austausch für dich auch Lernen?
Julica: Auch, natürlich. Aber in erster Linie ist es Verbindung, sich auf den anderen einlassen, wirklich zuhören. Das kommt uns immer mehr abhanden, weil wir ständig abgelenkt sind und nur noch 15-Sekunden-Clips gewohnt sind. Den anderen reden hören, sacken lassen, das finde ich nach wie vor eine schöne Sache. Wenn man aufhört, miteinander zu sprechen, wird es eng, egal ob in Beziehungen oder politisch. Man muss im Gespräch bleiben und darf nicht die Türen zumachen. Das ist mein Antrieb, warum ich diesen Job so liebe, weil ich ständig Dinge erfahre und im Gespräch bin.
Christian: Mega, das spricht aus dem Herzen. Auch uns treibt das, wir nennen es Ab- und Aussprache, da ist zweimal Sprechen drin. Es geht nicht immer darum, etwas aufzuschreiben, sondern miteinander zu sprechen, dann entsteht etwas Neues und auch Lernen.
Viele Rollen, eine Klammer
Christian: Du hast ganz verschiedene Tätigkeiten. Ist Kommunikation die gemeinsame Klammer, von der Zirkusdirektorin über die Stadionsprecherin bis zur Moderation und zum Podcast? Oder gibt es etwas, wo du das besonders einbringen kannst?
Julica: Am ausgeprägtesten ist es sicher im Podcasting, wenn du wirklich ins Gespräch gehst. Ich komme ursprünglich vom Radio, und da hat man für Themen oft nur sehr wenig Zeit, im Privatradio meist eineinhalb bis zwei Minuten. Deshalb finde ich es schön, ein Thema mit Zeit, Muße und Tiefe zu behandeln. Aber auch im Radio ist es wichtig, sich beim Senden jemanden vorzustellen, mit dem man spricht, eine Ansprechhaltung zu wählen, die nicht von oben herabkommt. Es ist die Klammer um all meine Aufgaben, manchmal auch nur das Verbinden von Elementen. In der Moderation, im Zirkus oder bei Events gebe ich den roten Faden und rolle den roten Teppich aus. Es geht nicht um mich, sondern darum, die anderen auf die Bühne zu holen, sie glänzen zu lassen und so viel wie nötig, so wenig wie möglich zu sagen.
Christian: Stark, das ist voll der Match. Das könnte fast eine Storyline für uns sein, genau das machen wir mit Tell Your Story, wir geben Bühnen.
Julica: Mich macht es auch böse, wenn das jemand nicht so macht. Aber das ist Typsache.
Christian: Wir haben bei Lexware früher gesagt: Lebe deinen Traum, wir halten dir den Rücken frei, das ganze lästige Bürokratie-Zeug ist weg. Du hast in einem Interview mal gesagt, du hast gar nicht so große Träume. Das finde ich spannend, denn bei der Vielfalt hätte ich gedacht, die kleine Julica wollte mal Zirkusdirektorin werden. Wie passt das zusammen?
Julica: Ich hatte noch nie große Träume, bis heute nicht. Ich frage mich, ob das zu negativ klingt, aber ich bin ein bisschen frei von Streben. Ich lasse mich eher mitreißen und schaue, was passiert. Das fanden meine Eltern in der Schulzeit schon schwierig. Das klingt im ersten Moment traurig, wenn jemand sagt, er hat keine Träume, aber ich meine etwas anderes: Meine Realität ist so schön. Mir sind so viele tolle Sachen passiert, und ich sage wirklich passiert, weil ich nichts von dem, was ich mache, geplant habe. Es war nie so, dass ich gesagt habe, jetzt next step, jetzt werde ich Conférencière im Zirkus oder Stadionsprecherin. Das hat sich alles ergeben, und deswegen muss ich gar nicht träumen.
Christian: Das ist schön. Träume sollen ja verwirklicht werden. Vielleicht hattest du immer eine gewisse Verwirklichung und bist dann weitergegangen.
Julica: Ich komme gar nicht zum Träumen.
Christian: Es passiert dir ständig etwas und geht vorwärts. Du bist ja keine klassische Gründerin, wie wir sie sonst oft treffen, über 590.000 jedes Jahr in Deutschland, leider immer noch nicht genug. Du würdest wahrscheinlich nicht sagen, ich habe hier mal gegründet. Aber letztlich ist es ja schon ein Business, oder mehrere. Bist du Unternehmerin in deiner eigenen Sache oder Unternehmerin mit fünf verschiedenen Hüten?
Julica: Ich glaube, es gibt Julica als Moderatorin und Sprecherin, und dann bin ich sehr flexibel, was meine Aufgaben angeht. Wer mich bucht, gerade hier in der Region, wo ich den Job seit 20 Jahren mache, trifft eine bewusste Entscheidung, weil die Leute wissen, wie ich ticke. Die Marke Julica Goldschmidt, das ist ein großes Wort und nichts, womit ich mich so richtig wohlfühle. Aber als Moderatorin und Sprecherin sehe ich mich und bin sehr unterschiedlich einsetzbar.
Christian: In der Creator-Welt spricht man viel über Personal Branding, das klingt nicht viel cooler als Marke. Ich glaube, hier in Freiburg kann man sagen, die Julica ist eine Marke. Auch bei uns ist es so: Produkte differenzieren nicht das, was man tut. Man sagt dann, nehmen wir die Julica, der trauen wir das zu, die kennen wir. Das hast du in 20 Jahren erreicht, das gibt eine gewisse Leichtigkeit und führt dazu, dass man an Jobs kommt, auch Stadionsprecherin wird, was nicht das Naheliegendste ist. Spannend finde ich, dass du einerseits sehr selbstständig bist und gleichzeitig eine Teilzeitstelle im Radio hast. Ist das die Sicherheits-Julica, die sich ein Backup gönnt?
Selbstständig mit Sicherheitsanker
Julica: Das ist eine total gute Frage, die ich mir auch immer wieder selbst stelle. Ich müsste dem Radio ja nicht Adieu sagen, nur weil ich mich komplett selbstständig machen würde. Ich bin so lange in diesem Sender, dass wir über alles reden könnten. Es wäre keine Absage, sondern eine Zusage an mich selbst für mehr Flexibilität im Arbeitsalltag. Trotzdem bin ich diesen Schritt bisher nicht gegangen. Ich komme daher, dass ich nach meinem Volontariat erst keine Festanstellung bekommen habe, es gab einen Geschäftsführer, der das nicht wollte. Ich bin sehr in die Selbstständigkeit reingeschmissen worden und musste andere Kunden an Land ziehen, Stichwort Scheinselbstständigkeit, weil ich eine feste Radiosendung hatte. Ich habe getrommelt, und es ging. Wenn ich erst mal in einer Sache drin bin, mache ich mir nicht mehr so viele Gedanken. Ich hatte keine schlaflosen Nächte mit der Sorge, was ist, wenn ich krank werde und zwei Wochen nicht arbeiten kann.
Julica: Heute ist es schon ein wenig Sicherheitsdenken. Die Sicherheit einer Festanstellung im Rücken ist schon schön. Aber ich würde nicht ausschließen, dass ich an diesem Status nochmal etwas ändere. Im Moment finde ich den Mix genial, weil er mich ruhig schlafen lässt. Ich finde ihn aber nicht immer genial, weil ich doch ein bisschen gebunden bin und nicht ganz so agieren kann, wie ich möchte.
Christian: Spannend ist: Bei den rund 95.000 Gründungen 2024 sind zwei Drittel im Nebenerwerb. Es sind also gar nicht so viele Vollerwerbsgründungen, und es betreiben am meisten Frauen, meist um Familie und Beruf in Einklang zu bringen. Wie organisierst du das? Es ist ja nicht nur die Entscheidung, beides zu haben, sondern allem gerecht zu werden, dem festen Teilzeitjob, dem freien Bereich, Kind und Stadion. Wie sieht so ein Tag aus? Gibt es zwei von dir?
Julica: Es gibt sogar drei, aber manchmal wünschte ich, es gäbe zwei. Tatsächlich kriege ich es ganz gut hin, und zwar mit einem wirklich extrem sauber geführten Kalender. Das ist das einzige Tool, das ich extrem sauber führe, weil mir sonst alles vor die Füße fällt. Ich würde mich selbst eher als chaotischen Menschen bezeichnen. Ich habe verschiedene Kalender, teilweise mit meiner Familie geteilt, und alle Termine müssen aufeinander abgestimmt werden. Ich trage alles ein, das klingt jetzt fast creepy, auch die Spieldates meines Sohnes, einfach um zu sehen, habe ich da Luft, um einen Podcast zu schneiden oder ein Interview vorzubereiten. Alles, was planbar ist, wird eingetragen. Dann muss ich fokussiert arbeiten und abwägen, was wichtig und was dringend ist. Es ist ein allwöchentliches Rumgepuzzle. Ich schaue montags, was diese Woche ansteht, und schiebe die Dinge zusammen. Hohe Flexibilität muss ich mir unbedingt bewahren, sonst kriege ich es nicht hin. Das heißt auch, wenn mein Kleiner schläft, nochmal den Rechner aufzuklappen und weiterzumachen.
Christian: Spannend, weil man bei Kreativjobs oft sagt, die machen keinen Plan. Auch wir arbeiten in der Software agil, und für mich ist ein Wort für agil Disziplin. Du brauchst einen Plan, um auf Veränderungen reagieren zu können, sonst ist man lost. Gibt es Themen, wo es trotzdem knirscht, wo du sagst, das mache ich immer wieder falsch?
Julica: Ich arbeite immer sehr eng an Deadlines ran, und dann denke ich manchmal, du hättest es entspannter haben können. Aber dann ist Akzeptanz gefragt: So bin ich halt. Und nicht ständig nach links und rechts gucken, das finde ich super stressig. Inspiration von anderen ist super, aber sich gleich in den Vergleich zu stellen, die ist so organisiert, und ich komme ins Straucheln, das nicht. Ich arbeite nah an die Deadline ran, aber ich lasse sie nicht verstreichen. Verstreichen lasse ich sie höchstens bei bürokratischen Dingen. Aber ich habe jetzt eine richtig gute Buchhaltungssoftware, und damit geht es besser.
Christian: Hoffentlich ist es die, die ich kenne.
Julica: Sonst hätte ich es doch nicht gesagt, Christian.
Christian: Das ist tatsächlich so, das ist kein Werbeblock, sondern auch ein Teil von Planbarkeit. Wenn ich mein Business nicht im Griff habe, kommen Überraschungen. Das hilft auf allen Ebenen, auch die Zahlen sollte man ein bisschen im Griff haben.
Julica: Voll, und das sage ich aus tiefer Überzeugung, das ist keine Werbesendung. Zahlen und Buchhaltung sind der Job, den ich innerhalb meines Jobs einfach nicht gerne mache. Wenn ich weiß, dass ich da halbwegs entspannt aufspielen kann, habe ich den Kopf wieder frei für das Zeug, das ich wirklich gerne mache.
Umgang mit Hass und Kritik
Christian: Wo ich gerne einsteigen würde, ist deine Rolle in der Öffentlichkeit. Gerade im Fußballkontext, hattest du viel Kritik? Wurdest du begrüßt, nach dem Motto, super, eine Frau, mal Änderung? Oder war es klischeehaft anders? Wie bist du damit umgegangen? Das braucht ja auch eine gewisse Stärke.
Julica: Es war alles. Ich habe viel Liebe und Support dafür bekommen. Und trotzdem haben mich die Hasskommentare beschäftigt. Man muss das sehr gut unterscheiden: Kritik ist immer willkommen, wenn sie angemessen formuliert und im besten Fall konstruktiv ist. Aber nur mit blankem Hass konfrontiert zu sein, ist heftig. Das hatte ich zum ersten Mal. Ich komme aus einer Familie, in der man respektvoll miteinander redet. Es war meine erste Erfahrung, dass ich so schlecht behandelt und beschimpft wurde, und das fand ich am Anfang richtig hart. Mich hat das belastet, weil ich gar nicht wusste, was ich machen soll. Wenn jemand schreibt, halt dein dummes Maul, was soll ich da anders machen? Das hat mich verwirrt und verletzt.
Julica: Dann habe ich überlegt, wie ich reagiere, und gedacht: Ich liebe jetzt so lange, bis zurückgeliebt wird. Ich habe angefangen, mit Herzchen zu antworten. Ein paar Menschen habe ich auf meinen privaten Social-Media-Kanälen tatsächlich blockiert, das muss ich mir nicht geben. Aber am Anfang haben die einfach Liebe zurückbekommen. Was bringt es mir, wenn ich mich in diesen Hass reinsteigere, der zum Glück stark nachgelassen hat? Vielleicht muss man es den Leuten auch gar nicht so übel nehmen, ich kann verstehen, dass die Aufregung groß war. Mir war von vornherein klar, dass nicht nur Liebe kommt. Ich bin selbst ein Gewohnheitstier, und 35 Jahre lang gab es im Stadion dieselbe Stimme, und dann kommt etwas Neues, und es ist auch noch eine Frau. Jedem, der da kurz oder auch länger zusammengezuckt ist, sei das absolut verziehen. Es ist auch eine Frage des Geschmacks, alle kriegt man nicht.
Christian: Hast du alles gelesen oder gesagt, ich gucke es mir nicht an?
Julica: Irgendwann habe ich gesagt, ich gucke es mir nicht mehr an. Am Anfang war ich viel zu neugierig, weil die Situation neu war und ich wissen wollte, wie es ankommt. Es gab auch ganz viele schöne Reaktionen auf Social Media. Aber am Anfang ist alles, was hängen geblieben ist, der Hass gewesen. Ich weiß nicht, warum wir so funktionieren. Und dann dachte ich, weißt du was, das muss ich mir nicht geben.
Christian: Ich finde schön, was du gemacht hast. Es gibt ein altes Buch von Udo Möbius, es heißt „Lola – Loslassen, Liebe hoch zwei“. Das ist im Grunde das Konzept, das du beschrieben hast: Liebe senden, auch wenn der andere gerade angeht, und dann loslassen.
Julica: Herzchen.
Christian: Vielleicht magst du es mal lesen. Es hat mich daran erinnert, und ich finde es ein schlaues Konzept, dem so zu begegnen, loszulassen und anders dranzugehen, weil man sich sonst nur ins Negative reinsteigert. Hass mit Hass zu begegnen, bringt nichts, vor allem einem selbst nichts.
Julica: Das ist ja noch mehr Gift. Wenn man das in etwas Gutes umwandelt. Sicher haben meine Herzchen nicht verfangen, wahrscheinlich haben sie noch wütender gemacht, aber das ist dann nicht mehr mein Problem. Es war auch nicht meine Absicht, sondern ich dachte, vielleicht kannst du, der du gerade so böse zu mir bist, ein bisschen Liebe gebrauchen, bitte schön.
Sichtbarkeit und Echtheit
Christian: Du hast viel Erfahrung mit Sichtbarkeit, und Personal Branding ist gerade ein großes Thema. Jeder merkt, dass eine gewisse Sichtbarkeit dazugehört. Gibt es ein paar Core-Tipps aus deiner Erfahrung, etwas, das du der Julica vor 20 Jahren mitgeben würdest, wissend, dass es nie die eine Secret Sauce gibt?
Julica: Nichts, was ich in drei Spiegelstrichen aufzählen könnte. Aber ich habe sehr gute Erfahrungen damit gemacht, ich zu sein. Nicht, weil ich so super bin, sondern weil ich glaube, dass Echtheit meistens sticht. Man kann sicher auch erfolgreich sein mit einer professionellen und einer privaten Persönlichkeit, aber für mich funktioniert das nicht, weil ich die Dinge mit dem ganzen Herzen mache. Wenn ich mir eine Maske überstülpe, kann es nicht gut gehen. Für mich ist die Losung: Es ist nichts, was man sich mit einem System einfach überstreifen kann. Es funktioniert, wenn Persönlichkeit, Haltung und Wirken in Einklang sind, wenn ein roter Faden zu erkennen ist und du dich nicht ständig selbst widersprichst. Dazu gehört auch, mal einen Job abzusagen und zu sagen, da bin ich nicht die Richtige, ich wünsche euch jemanden, der besser passt. Also die eigenen Fähigkeiten gut auf dem Schirm haben und mit Ecken und Kanten auftreten.
Julica: Ich bin nicht die Erste, die sagt, dass dieses ständige Streben nach 100 Prozent eher hindert, als dass es voranbringt. Aber ich würde es jederzeit unterschreiben: lieber diese 80 Prozent wirklich mit Herz, Leidenschaft und Seele machen als 100 Prozent Hochglanz. Es gibt nichts, was auf alle und jede Situation anwendbar ist. Aber in meiner Position bin ich ja mein Business, ich muss mit mir als Person rausgehen. Für mich ist Echtheit das Allerwichtigste, und eine Liebe zu den Dingen, die man nicht erzwingen kann. Und dann immer einen klaren Blick dafür zu haben, dass ich Dienstleisterin bin, dass ich es den Leuten schuldig bin, einen guten Job zu machen. Es reicht nicht, ach, das ist die aus dem Stadion. Nein, ich bin die, die euer Event im besten Fall zu einem schönen Event macht.
Christian: Mega. Das knüpft gut an. Ich sage immer, ich bin viel zu blöd zum Lügen, weil ich mir das gar nicht merken kann. Man müsste mega clever sein, weil man sich merken müsste, was man wem gesagt hat. Das sind wir nicht, deswegen bleibt nichts anderes übrig, als die Wahrheit zu sagen.
Energie und Pausen
Christian: Gerade bei Öffentlichkeit: Wir haben eine Studie bei Creators gemacht, über 25 Prozent hatten Burnout. Hattest du auch kritische Momente oder Wendepunkte, wo du am Straucheln warst? Gerade wenn man erfolgreich wird, ist der Weg nach oben leichter als der nach unten.
Julica: Es ging bislang nicht runter im Sinne von, oh, jetzt wird es eng mit der Auftragslage. Aber es ging runter, was meine Energie anging, und das ist fast noch bedrohlicher. Das habe ich nach dem Ende der ersten Saison beim SC gemerkt. Das hatte nichts mit dem SC zu tun, ich komme auch zur neuen Saison wieder, ich liebe das sehr dort. Es hatte auch nichts mit dem Workload zu tun, sondern mit all den Eindrücken, dem Hass, der mir entgegenkam, der Frage, wie ich damit umgehe. Lange hatte ich wahnsinnig Angst, im Stadion Dinge falsch zu machen. Heute habe ich ein gesundes Selbstbewusstsein, aber wenn du vor so einer kritischen Öffentlichkeit agierst, überlegst du dir jedes Wort dreimal.
Christian: Das kann ich mir gut vorstellen.
Julica: Ich habe mit meinem Regisseur kurz Augenkontakt aufgenommen.
Christian: Kann ich jetzt den Torjubel machen?
Julica: Es war einfach nur Stress die ganze Zeit. Aber ich hatte das im Vorfeld geahnt und mir eine vierwöchige Auszeit in der langen Sommerpause der Bundesliga eingeplant, unbezahlt Urlaub genommen und gesagt, jetzt vier Wochen Füße hoch, soweit es mit einem kleinen Kind geht. Da habe ich gemerkt, okay, jetzt war es knapp.
Christian: Stark, dass du reagiert hast.
Julica: Ich bin sehr wellnessorientiert, das muss man sagen. Ich finde es schön, wenn es mir gut geht. Ich bin gut im Kontakt mit mir selber, ich gucke immer, wo stehe ich gerade, wie geht es mir. Und wenn es mit der Energie knapp wird, dann ziehe ich da auf welche Art auch immer die Reißleine.
Christian: Das ist eine starke Stärke. Das erklärt vieles, warum du so vielschichtig unterwegs sein kannst.
Julica: Du hast gefragt, wie ich das alles unter einen Hut kriege. Das ist vielleicht keine Hochglanzantwort, aber da strebe ich tatsächlich hin: Ich habe gerne Freizeit. Deswegen plane ich das, was ich erledigen darf, ich möchte nicht von einem Muss sprechen, weil es geile Jobs sind, so tight wie möglich zusammen, damit ich so viel Zeit wie möglich frei habe für Erholung. Das gelingt ganz gut.
Begegnungen und Abschlussfrage
Christian: Zwei Fragen hätte ich noch, leider müssen wir zum Ende kommen, es macht richtig Spaß. Du hattest sehr viele bekannte Menschen vor dem Mikro, Kanzler, Wirtschaftsbosse, Fußballmenschen. Gibt es etwas, das dich überrascht hat, oder einen Gesprächskontext, den du besonders witzig oder erfrischend fandest?
Julica: Ich muss eine etwas weichgespülte Antwort geben, aber ich möchte echt sein: Es kann wirklich Sternstunden während einer Taxifahrt geben, die jeden Promi-Talk stechen. Wenn man ins Plaudern gerät und sich kennenlernt.
Christian: Du sprichst mit jedem Taxifahrer?
Julica: In jeder Stadt, das ist immer witzig. Ich setze mich immer nach vorne. Oft sind die erst gestresst, oh Gott, schon wieder eine, die vorne sitzen und sich unterhalten will. Aber ich habe eine wirklich große Neugier auf Menschen. Jetzt stellst du die Fragen, aber ich würde so gerne zurückfragen. Jeder hat etwas zu erzählen, man muss sich nur die Zeit und die Muße nehmen zuzuhören, dann wird es oft überraschend und wunderbar. Deswegen kann ich dir nicht die eine heiße Promi-Story berichten. Doch, eine habe ich. Das war, als ich noch ganz jung war, Volontärin. Es gab eine Ankündigung für eine Demonstration von Neonazis, und daraufhin gab es eine Riesenaktion in der Stadt, ich weiß nicht, ob du dich erinnerst, „Freiburg steht auf“ hieß das. Die ganze Stadt war voller Bühnen, es wurde Musik gemacht, es war unheimlich schön. Thomas D. war auch da, und ich als kleine Volontärin sollte ihn interviewen. Ich bin backstage gegangen, war ultra aufgeregt, weil die Fantastischen Vier die Helden meiner Jugend waren, und habe gesagt, hallo, ich bin die Julica von Baden FM. Er hat mir die Hand gegeben und gesagt, hey, ich bin der Thomas D. von den Fantastischen Vier, ohne mich auflaufen zu lassen, ganz im Gegenteil, er war so anständig, sich nochmal vorzustellen. Das ist mir im Gedächtnis geblieben, weil er gemerkt hat, dass ich aufgeregt bin.
Christian: Ja, natürlich.
Julica: Auch beim ZMF hatte ich ein Interview mit einem meiner Idole, einem wahnsinnigen Entertainer. Ich kam mit meinem ganzen Geraffel an, und er, ein Gentleman der alten Schule, hat mir das Mikro und die Taschen aus der Hand gerissen und es zu unserem Interview geschleppt. Solche Sachen mag ich, wenn Leute sanft, lieb und anständig sind.
Christian: Lustig, den Thomas D. hatten wir bei der Skate-Aid-Night, wo wir Support und Partner sind. Der ist immer noch so. Das fand ich total schön. Und das spricht aus dem Herzen, was du gesagt hast: Jede Geschichte muss erzählt werden. Das ist genau das, was wir mit Tell Your Story wollen, jede Unternehmensgeschichte ist erzählenswert. Jetzt kommen wir leider zur Abschlussfrage, die ich jedem Gast stelle. Wenn jemand einen Film über dich oder dein Leben drehen würde, wie wäre der Titel?
Julica: Den habe ich parat, weil das auch mein Messenger-Status ist: Neben der Spur ist auch ein schöner Weg. Julica Goldschmidt, neben der Spur ist auch ein schöner Weg. Das gefällt mir. Das schließt daran an, dass ich keine großen Träume habe, sondern mich treiben lasse und dann auch irgendwie ankomme.
Christian: Mega. Ganz vielen Dank, liebe Julica, hat mega Spaß gemacht. Wir müssen irgendwann zum Ende kommen. Ich verfolge hier in Freiburg immer ein bisschen mit, was du treibst, und wir stehen ja immer wieder in Kontakt. Ganz lieben Dank, war super spannend, dass du so offen erzählt hast.
Julica: Sehr gerne, Christian, danke für die Einladung.